2/11/07

Manu Chao live in Wien

Rebell von Welt

Manu Chao live in Wien

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Vor 13.000 Fans gastierte am Donnerstagabend der Weltmusik-Rebell Manu Chao in Wien. Mit seiner Band Radio Bemba Sound System brachte der gebürtige Franzose mit spanischen Wurzeln die prall gefüllte Stadthalle zum Kochen und Toben, wie es dieses Jahr noch kein anderer vor ihm geschafft hat. Die Show hatte alles: ordentlich Tempo, Lautstärke, besten Sound, Regelverstöße, wo’s nur geht – und den wohl ersten Glühweinstand im heurigen Jahr.

Eigentlich dauert es noch zwei Wochen, bis Wiens Christkindlmärkte die Pforten öffnen und zur besseren Einstimmung auf das hohe Kirchenfest wieder Punsch in Strömen fließen darf. Was der telefonzellengroße Stand mit Engerln und Goldfolie dekoriert, bei einem Konzert eines international populären Globalisierungs- und vor allem Konsumgegners zu suchen hatte, weiß der liebe Gott; er war jedenfalls da und erfreute sich – Konsumverweigerung hin oder her – regen Andrangs.

Ein anderer Teil der 13.000 Konzertgeher brachte ihre flüssige Verpflegung wiederum selbst mit. Am Weg zur Stadthalle begegneten einem um halb acht Uhr abends schon fröhlich « Casa Babylon »-singende Trüppchen mit hochprozentiger Verpflegung; und so manch einer biss auf einer schattigen Bank im Park vor der Stadthalle noch gemütlich ins Gras, bevor man sich zur Halle D begab, wo die österreichische A-Capella-Formation « Bauchklang » bereits höchst erfolgreich die Grillanzünder für Manu Chao spielte.

Drinnen bot sich dem regelmäßigen Konzertgeher ein turbulentes Bild, denn in der sonst so überarg disziplinierten Stadthalle hatte man die Rechnung diesmal ohne die Gäste gemacht: Die Garderoben waren hoffnungslos voll, an den Bars konnte man die pfandpflichtigen Becher gar nicht schnell genug ausgeben, ehe sie wieder geleert zurückkamen; falls sie überhaupt wieder kamen, denn der eine oder andere (gefüllte) flog bereits vorm ersten Chao-Song übers Publikum (was bei anderthalb Euro Einsatz auf Dauer auch ins Geld gehen kann). Mittendrin gab es dann aber doch einige wenige, couragierte Stadthallen-Mitarbeiter, die noch genügend Elan hatten, den einen oder anderen Chao-Fan darauf hinzuweisen, dass man all die Dutzenden quadratmetergroßen Rauchverbotszeichen an den Wänden, nicht bloß deswegen montiert hatte, um eventuelle Löcher im Putz zu verdecken. Aber jeder Versuch, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen, war zum Scheitern verdammt – und darüberhinaus sehr, sehr amüsant anzusehen.

Kurz nach halb neun hieß es dann « El Hoyo » – das Sound System wurde auf Düsenjet-Lautstärke gedreht (ein halbes Dezibel über Nine-Inch-Nails-Niveau) und zusammen mit Gitarrist Madjid Fahem (dessen Klampfe so kreischen kann wie Tokio-Hotel-Fans) und Bassist Gambeat (der « Metzger » unter den Reggae-Bassisten) machte Manu Chao ersteinmal eine Stunde Druck ohne Ende. Das Publikum präsentierte sich schlichtweg ausgerastet, von der Bühne bis zur Mitte musste man sekündlich mit einem tanzenden Knie oder fliegenden Wein-Mix-Getränken rechnen. Der Trubel ging aber vor sich, ohne den Eindruck zu erwecken, es herrsche hier etwa Aggressivität – es war pure Ausgelassenheit. Und während die Stadthallen-Mitarbeiter schon in Gedanken die Brandlöcher auf den Sitzen zählten (klarerweise wurde auch auf den Rängen gequalmt, was das Zeug hält) schaltete Manu Chao einen Gang runter, präsentierte mit « Tristesa Maleza » und « La Vida Tombola » Songs seiner neuen Platte « La Radiolina » und gab mit « Clandestino » und « Mala Vida » zwei Klassiker zum Besten.

Allzu kritisches und politisches Material der neuen Platte ließ der Globalisierungsgegner überraschenderweise weg. So kamen weder das subtile « Politik Kills » noch « Panik Panik » oder « Mundorévés » – dafür gabs gelegentlich eingespielte O-Töne südamerikanischer Rebellen-Kommmandanten. Mit « Radio Bemba », « Que Paso Que Paso » und einer zwischen zwei schnellen Nummern hineingesungenen Speed-Version von « King Of The Bongo » neigte sich der Abend dem Ende zu. Noch zwei mal zwei Zugaben auf die schwitzende, tobende, tanzende (und vielerorts von Oberteilen befreite) Menge eingehämmert und Manu Chao zog nach insgesamt zweieinhalb Stunden « Danke, Danke »-sagend von Dannen. Was blieb, war ein Hörsturz-nahes Sausen in den Ohren und das gute Gefühl, dass es noch Publikum gibt, das Konzerte bis zum letzten Schweißtropfen genießt und sich vollends verausgabt.

Christoph Andert

Fotos: Andreas Graf